Noël Burch - Retrospektive

20./21. und 22. Februar 2003
jeweils ab 18.30 Uhr
ZKM | Vortragssaal

Die Werkschau des Autors, Filmemachers und Theoretikers Noël Burch wurde im Rahmen der Ausstellung Future Cinema von der Künstlerin und Kuratorin Constanze Ruhm [A] zusammengestellt. In dieser Retrospektive werden folgende Filme gezeigt::

Le Noviciat, 1965 [16 mm, s/w]

The Impersonation or A Propos the Disappearance of Reginald Pepper, UK/D 1981 [56 min.]
- in Zusammenarbeit mit Christopher Mason

Sentimental Journey, USA 1993/94 [54 min.]

Correction, Please or How We Got into Pictures, UK 1979 [52 min.]

The Year of the Bodyguard, UK/D 1981 [54 min.]

What Do Those Old Films Mean?, 1984/85 :
    Along the Great Divide – Great Britain 1900-1912
    Under Two Flags – Germany 1926 - 1932
    Born Yesterday – USSR 1925-1928

Noël Burch wird für die Dauer der Retrospektive selbst anwesend sein und im Anschluss an die Vorführung von What Do Those Old Films Mean? einen Vortrag zu seinem Werk halten.


Noël Burch
wurde 1932 in San Francisco geboren und lebt seit 1951 in Frankreich. In den Fünfzigerjahren arbeitete er als Regieassistent für Preston Sturges und Michel Fano. Seit den Sechzigerjahren ist er Autor, Filmemacher und Theoretiker. In den Jahren 1967-1971 war er Mitbegründer und Leiter des »Institut de Formation Cinématographique« [mit J.-A. Fieschi und D. Mancier].
Von 1972 bis 1981 unterrichtete Burch am Royal College of Art und an der Slade School in London; am Institut des Arts de Diffusions in Brüssel; an der NY University/ Department of Cinema Studies und an der Ohio State University/Department of Photography and Cinema.
Zwischen 1982 und 2000 unterrichtete er als Gastprofessor an der Universitäten Paris III und Paris VIII, und an der University of California Santa Barbara; von 1993 bis 2000 war er Professor in Lille III.

Als Regisseur realisierte Noël Burch eine Reihe von filmanalytischen Studien und Dokumentarfilmen, darunter den Film Voyage sentimentale [Sentimental Journey], USA 1993-94, der von Burchs Rückkehr nach Amerika und von seinen Begegnungen mit früheren linken Weggefährten erzählt; Aller-simple [One Way Ticket], 1992-93, (gemeinsam mit Nadine Fischer und Nelson Scartuccini), ist ein Dokumentarfilm, der bis dato unzugängliches Material aus der Stummfilmzeit verwendet, um die Geschichte europäischer Emigration nach Argentinien und Uruguay zu erzählen.
In dem Film Correction, Please or How We Got into Pictures, UK 1979, bilden Variationen einer Szene aus einer Geschichte von Dorothy Sayers Reflexionen über die Geschichte der Entwicklung der Filmsprache. Der Film führt die Entstehung der klassischen Sprache des Films in eine Zeit zwischen 1906-1930 zurück, und wirft eine Reihe theoretischer Fragen in Bezug auf »dominante« Repräsentationsformen auf. Dies geschieht in vier Versionen einer Fantasie, die einem alten britischen Thriller entliehen und mit Schlüsselszenen aus der »primitiven« Ära des englischen, französischen und nordamerikanischen Films versetzt wird.
Die sechsteilige Serie What do those Old Films Mean?, 1984/85, beschäftigt sich mit der Sozialgeschichte des frühen Kinos in sechs verschiedenen Ländern [England, Deutschland, USA, Dänemark, Frankreich, UdSSR]. In jeder einzelnen Folge werden ausgesuchte filmische Beispiele unter jeweils unterschiedlichen gesellschaftpolitischen und sozialen Blickwinkeln analysiert.
»The contention of What do those Old Films Mean? is that films of the past can be better appreciated by relocating them within their social and historical context, and that, conversely, certain dimensions of the societies which produced them can be better understood when their films are deciphered in this way«.
The Year of the Bodyguard, UK/D 1981, geht der Geschichte jener Suffragetten nach, die 1912 unter der ersten weiblichen englischen Jiu-Jitsu-Expertin ein Training absolvierten, um gegen die Polizei kämpfen und die Anführerinnen der Sufragettenbewegung beschützen zu können.
The Impersonator or A Propos the Disappearance of Reginald Pepper, UK/D 1983, [in Zusammenarbeit mit Christopher Mason] erzählt die Geschichte einer Malerin, die erst Erfolg hat, als sie sich als männlicher »Primitivistr« ausgibt.

Zu seinen zahlreichen Publikationen gehören unter anderem das Werk Theory of Film Practice [New York: Praeger, 1973], eine Monografie über Marcel L'Herbier [Paris: Seghers, 1973], und To the Distant Observer: Form and Meanaing in Japanese Cinema [Berkely: 1979]. In diesem Werk konfrontiert Burch die dominanten Diskursformen der japanischen Kultur mit der stilistischen Entwicklung des japanischen Kinos, und vergleicht die resultierenden Repräsentationsformen mit jenen des Westens. Aus einer marxistischen Perspektive analysiert Bruch die grundlegenden Unterschiede zwischen japanischen und westlichen Repräsentationsformen.
La Lucarne de l'Infini [Paris: Nathan, 1991; englischer Titel: Life to those Shadows] entwickelt eine Kritik an klassischen Methoden der Filmanalyse: Burch fordert hier die Annahme heraus, dass das, was wir als Filmsprache bezeichnen, eine natürliche, organische Entwicklung genommen hat. Im Unterschied zu dieser Auffassung ist Burchs Hauptthese, dass die Filmsprache einer sozialen und ökonomischen Geschichte unterliegt, und dass sie zwischen 1892 und 1929 in direkter Abhängigkeit von Ort, Zeit und Bedingungen des kapitalistischen, imperialistischen Westens entstand. Aus dieser Perspektive untersucht das Buch die Entstehung einer »institutionellen Repräsentationsform« [»institutional mode of representation«], und die soziohistorischen Umstände, innerhalb derer sich jene Repräsentationsformen bildeten.
Seine jüngste Publikation ist das Buch La drôle de guerre des sexes du çinema français: 1930-1956, [mit Geneviève Sellier; Paris: Nathan, 1996], das sich mit der Darstellung der Geschlechterverhältnisse im französischen Kino von der Zwischenkriegszeit bis in die Fünfzigerjahre befasst, und ein spezielles Augenmerk auf jene Filme richtet, die in der Besatzungszeit entstanden.

- > Noël Burch : Filmographie | Bibliographie

< - zurück zur Programmübersicht