Pierre Huyghe :
    L'Ellipse, 1998

Der Begriff Ellipse bezeichnet in der Filmsprache eine Montageform, durch die ein zeitlicher Sprung in der Handlung überbrückt wird. Der Zeitablauf wird reduziert auf zwei Einstellungen, die Beginn und Ende des Geschehens zeigen, die dazwischen liegende Zeitspanne wird durch kurze Bild- und Tonpausen oder Ausblendung ausgedrückt.
Pierre Huyghe’s gleichnamige Videoprojektion »L’ellipse« bezieht sich auf Wim Wenders Film 1976/77 in Paris gedrehten Film Der Amerikanische Freund. Bruno Ganz in der Hauptrolle spielt hier den Restaurator Jonathan Zimmermann, der erfährt, dass er unheilbar krank ist und bald sterben wird. Daraufhin willigt er in einen Auftragsmord an einem ihm völlig unbekannten Mann ein.
In einer Schlüsselszene des Films bewegt sich Zimmermann zwischen zwei Orten auf verschiedenen Seiten der Seine in Paris. Dieser Schauplatzwechsel wird durch eine Ellipse überbrückt, die den linearen Verlauf der Handlung durchbricht. Die dazwischen liegende Zeitspanne wird ausgespart und muss vom Betrachter mit eigenen Assoziationen gefüllt werden.
Pierre Huyghe hat diesen zentralen Übergangsmoment im Film für seine dreiteilige Videoprojektion aufgegriffen: Auf dem linken Screen ist Zimmermann in einem Hotelzimmer zu sehen. Telefonisch vereinbart er ein Treffen mit seinem Auftraggeber in einem Gebäude auf dem gegenüberliegenden Seineufer, dass er von seinem Fenster aus sehen kann. Rechts dagegen wird die daran anschließende Handlung zu gezeigt, Zimmermann trifft seinen Auftraggeber in dessen Apartment. In Wenders Film liegt zwischen beiden Szenen lediglich ein Schnitt. Dagegen lässt Huyghe auf dem mittleren Screen der Projektion den Schauspieler Bruno Ganz – inzwischen um mehr als 20 Jahre gealtert – den Weg über die Seine nachlaufen, den Zimmermann im Film hätte nehmen müssen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Auf diese Weise wird der Anschluss zwischen beiden Szenen geschaffen.
Die bei Wenders fehlende Szene stellt Hyghe in Echtzeit und ohne Schnitte nach, der durch die zeitliche Distanz von 20 Jahren entstandene Bruch wird bewusst zur Schau gestellt: Wenders Film endet mit dem Tod Zimmermanns – in Huyghes „Remake“ wird die Überquerung des Flusses als Symbol für den Tod zugleich visualisiert und – durch die Filmaufnahmen des offensichtlich noch lebendigen Ganz – aufgehoben.

Die Faszination für Bewegungen und Übergänge findet sich in vielen Arbeiten Pierre Huyghes. Oft verwendet er, wie auch in »L’ellipse«, bereits existierendes Filmmaterial als Quelle.

L'Ellipse L'Ellipse

Videoinstallation (16mm Film übertragen auf Digital Betacam), (Farbe, Ton); 14'

launch broadband video
launch modem video
 


edit