Kutlug Ataman :
    Women Who Wear Wigs, 1999

Kutlug Ataman’s Filmarbeit »Women Who Wear Wigs« aus dem Jahre 1999 präsentiert Interviews mit vier türkischen Frauen, die aufgrund von bestimmten gesellschaftlichen, politischen oder persönlicher Umstände Perücken tragen und über ihre Beweggründe und Erfahrungen berichten. Die Installation des türkischen Filmemachers besteht aus vier separaten Videoprojektionen, die zeitgleich nebeneinander auf vier Leinwänden laufen und eine Länge von 45 min. bis 1 Stunde haben.
Die erste Frau, Melek Ulagay, ist eine politische Aktivistin, die in den 70er Jahren der Verhaftung entging, indem sie sich mit einer blonden Perücke unkenntlich machte und als Stewardess ausgab, und seit nunmehr 30 Jahren ihre wahre Identität verbergen muss. Ataman zeigt sie in einem Perückenladen und zu Hause vor ihrem Spiegel, jedoch bleibt ihr Gesicht dabei stets verborgen. Die zweite Frau ist die türkische Journalistin Nevval Sevindi, die aufgrund einer Chemotherapie ihre Haare verloren hat und sich durch die Perücke ein positives Selbstbild erhalten will. Dagegen sind die Beweggründe der dritte Frau, einer streng gläubigen muslimische Studentin deren Namen wir nicht erfahren, religiöser Natur: Da das Tragen eines Kopftuches an ihrer Universität verboten ist, erlaubt ihr die Perücke, der islamischen Tradition zu folgen und ihr eigenes Haar verborgen zu halten. Sie wird überhaupt nicht gezeigt, die Projektionsfläche bleibt schwarz. Demet Demir, die vierte Protagonistin, ist eine Transsexuelle und Menschenrechtsaktivistin, die mit ihrer Perücke den durch Hormonschwankungen und Stress verursachten Haarausfall verbirgt, um so weiter ihrer Arbeit als Prostituierte nachgehen zu können.
»Women Who Wear Wigs« rekuriert formal auf die Dokumentarästhetik: Die Interviews sind mit Handicam aufgenommen, wobei sich der Blick der Kamera zwar stets auf die Frauen konzentriert, jedoch nie ganz statisch ist. Der Naturalismus der Darstellung wird dadurch noch erhöht. Jedoch verändert Ataman zugleich einige Konventionen und Formate, um so das Dokumentarische, die Trennung zwischen Realität und Fiktion, zu hinterfragen.
Rasch wird dem Betrachter deutlich, dass sich in der Eigenwahrnehmung der vier Frauen Realität und Selbsttäuschung vermischen. Die Perücke wird so gleichsam zum Symbol für eine neue Identität, die man annehmen kann, die dabei jedoch zugleich eine andere verdeckt.

Die Faszination mit dem Wandel von Identitäten zieht sich durch viele von Atamans dokumentarisch orientierten Filmarbeiten. Kennzeichnend für seine Filme ist darüber hinaus das Interesse am Persönlichen und Biographischen, das sich mit einem kritischen sozialen Engagement verbindet. So erschließt sich auch in »Women Who Wear Wigs« ausgehend von individuellen Biographien zugleich die Geschichte eines Landes, das sich in einer Phase des grundlegenden gesellschaftlichen und politischen Umbruchs befindet.

Women Who Wear Wigs Women Who Wear Wigs

Video, Farbe, Ton

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