Stimme als Medium
ZKM l Museum für Neue Kunst

Eine exemplarische Figur im aufklärerischen Diskurs zur Stimme stellt Wolfgang von Kempelen (1734-1804) dar. Als hoher Beamter am Hofe Maria Theresias ging er in seinen »Nebenstunden« unterschiedlichen wissenschaftlichen Experimenten nach, so auch der Konstruktion einer sprechenden Maschine, die er auf ausgedehnten Tourneen während der 1780er Jahre in vielen europäischen Städten vorführte. Kempelen selbst war daran gelegen, dass seine Konstruktion nicht als Trick, sondern als seriöses Projekt eines Gelehrten wahrgenommen wurde.
Ein Ziel seiner Forschungen bestand darin, ein mechanisches Erklärungsmodell für die Funktion der menschlichen Sprechwerkzeuge und die Lautbildung zu finden. Kempelen verfolgte mit seiner Maschine auch ein gesellschaftspolitisches Interesse: Sie sollte gehörlosen Menschen als Instrument zur Produktion der Lautsprache dienen. In einem weiteren Sinn ging es darum, den traditionell schweigenden Mitgliedern der Gesellschaft ein Stimmrecht zu verleihen.
In seinen Ausführungen zur Sprechmaschine, die 1791 in Wien erschienen, zitierte Kempelen die Stimme seiner Maschine, und fast scheint es, als hätte der sprechende Apparat eine eigene Identität angenommen:
»Ich spreche ein jedes französisches oder italienisches Wort, das man mir vorsagt, auf der Stelle nach, ein deutsches etwas langes hingegen kostet mich immer Mühe, und geräth mir nur selten ganz deutlich. Ganze Redensarten kann ich nur wenige und kurze sagen, weil der Blasebalg nicht groß genug ist, den erforderlichen Wind dazu herzugeben.« (1)
Nicht zufällig wurde die Maschine vom zeitgenössischen Publikum als Trick eines geschickten Bauchredners missverstanden. Ein Vorwurf, mit dem sich selbst Edison noch konfrontiert sehen sollte. Im ausgehenden 18. Jahrhundert traten geschickte Schausteller, die über Kenntnisse auf dem Gebiet der Akustik verfügten, mit falschen Sprechmaschinen auf. Diese Maschinen bezogen ihre Wirkung durch eine verborgene Schallquelle, die mit dem Ohr allein nicht zu orten war. Was blieb, war der Anschein einer sprechenden Puppe, eines sprechenden Mundes. Der gleichsam magische Effekt einer körperlosen Stimme bezauberte, erschreckte und faszinierte die Betrachter, und stellt zugleich ein Beispiel von rational entertainment dar, die gelungene Umsetzung technischen Wissens in ein anschauliches Szenario – eine Fragestellung, die uns im Umgang mit neuen Medien höchst relevant entgegentritt.
Sowohl mit der Sprechmaschine von Kempelen als auch den raffinierten Inszenierungen, Stimme als Phänomen zu dislozieren, werden relevante Fragestellungen für die gesamte Ausstellung entwickelt: Versuche, Stimme mechanisch zu rekonstruieren und damit zu erklären; die Geschichte des Gehörlosenunterrichts seit dem späten Achtzehnten Jahrhundert; die Magie scheinbar körperloser Stimmen; der historische Kenntnisstand zu Akustik und Phonetik, all diese Aspekte bilden zentrale Bereiche und Anschlussstellen in der Ausstellung.
(1) Wolfgang von Kempelen, Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine, Wien: Degen 1791, S. 455f.
Linkempfehlungen:
- > Hartmut Traunmüller: Zur Geschichte der Sprachsynthese. Wolfgang von Kempelens sprechende Maschine.
- > Linksammlung zu Wolfgang von Kempelen
Weiterführende Literatur:
Brigitte Felderer, Ernst Strouhal, Kempelen – Zwei Maschinen. Texte, Bilder und Modelle zur Sprechmaschine und zum schachspielenden Androiden Wolfgang von Kempelens, Sonderzahl Verlag, Wien 2003.
Joachim Gessinger, Auge & Ohr. Studien zur Erforschung der Sprache am Menschen 1700-1850, de Gruyter, Berlin, New York 1994.
Ricky Jay, Jay’s Journal of Anomalies, Farrar Straus Giroux , New York 2001, v.a. S. 147-162.
Giulio Panconcelli-Calzia, Quellenatlas zur Geschichte der Phonetik, Hansischer Gildenverlag, Hamburg 1940.
Abbildungen:
Abbildung 1
Wolfgang von Kempelen: Sprechmaschine (um 1790)
Deutsches Museum München,
Objektsammlung
© Deutsches Museum München, Objektsammlung
© Photo: Deutsches Museum München
Abbildung 2
Anonym: Resonator mit 4 Schalltrichtern zur Vorführung der Stimme einer »Unsichtbaren Frau« (1800)
Deutsches Museum München, Objektsammlung
© Deutsches Museum München, Objektsammlung
© Photo: Deutsches Museum München
Solche Maschinen wurden Ende des 18. Jahrhunderts von Schaustellern eingesetzt, um die Illusion einer körperlosen allwissenden Stimme zu vermitteln. Das zeitgenössische Publikum war mit akustischen Prinzipien noch wenig vertraut und konnte die wahre Stimmquelle im Nebenraum nicht orten, die über ein Rohr mit der Figur verbunden war.
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