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Taubstumm oder gehörlos?

Mit der Aufklärung wurde ein gesellschaftlicher Raum jenseits der Repräsentationsordnungen von 'Spiegelsälen' errichtet: der pädagogische, der therapeutische Raum der Erziehung 'neuer Menschen'. Hier wurden Vorbilder etabliert, die nicht wie in Kirchen oder an Höfen der Anschauung bedurften, sondern gewissermaßen der Anhörung. Der Prozess solch pädagogischer Disziplinierung wurde exemplarisch an »Taubstummen« praktiziert. Die vermeintlich »stummen Automaten« wurden als erziehbare Menschen entdeckt.

Das (maschinelle) Training der Taubstummen verkörperte gleichsam das ideologische Grundinteresse der Aufklärung, den Versuch, den traditionell schweigenden Mitgliedern der Gesellschaft ein Stimmorgan zu verleihen. Das bedeutet, dass der Diskurs über Gehörlosigkeit und Gehörlosen-Erziehung lange Zeit ausschließlich von Hörenden dominiert blieb. Gehörlose selbst kamen darin als Objekte, nicht aber als handelnde Subjekte vor. Die Sprache wurde als das Gattungsmerkmal des Menschen betrachtet und die Identität eines Wesens ohne Sprache, von dem man weder Vernunft noch Sittlichkeit erwarten konnte, schien unvorstellbar. Sprechen und Denken sah man im 18. Jahrhundert als identisch an. Die natürliche Sprache der Gehörlosen, die Gebärdensprache, sei wegen ihres abbildlichen Charakters ungeeignet für das begriffliche Denken und somit auch für die Abstraktion und das eigentliche Denken.

Die in der Ausstellung gezeigten Publikationen aus verschiedenen europäischen Sammlungen belegen diese Debatten um die Bedeutung der Lautsprache im Gehörlosenunterricht zwischen dem 17. bis zum 19. Jahrhundert. Der »Methodenstreit« in der Gehörlosenerziehung – die hitzige Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern der Gebärdensprache –, wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert von zwei Personen dominiert: Der ehemalige Soldat und Privatlehrer Samuel Heinicke vertrat als Begründer der so genannten »deutschen Methode« (auch »orale« oder »oralistische« Methode) die Position, dass gehörlose Menschen in Lautsprache zu unterrichten wären. Heinicke nahm an, dass Gehörlose nur so in eine hörende Gesellschaft integriert werden könnten. Seine Methode schloss die Gebärdensprache und selbst die Verwendung des Fingeralphabets vollkommen aus. Er war sich sicher, dass Denken nur in richtig artikulierten und somit in gesprochenen Worten möglich wäre. Der Abbé de l'Epée hingegen setzte sich für die »französische Methode« ein, d. h. für die Verwendung einer Zeichensprache im Unterricht.

Der Abbé lehrte allerdings keine autonome Zeichensprache; sein Unterricht bestand vielmehr in der Auflistung eines Systems von methodischen Gebärden, deren jede ihre Entsprechung in der geschriebenen Sprache fand. Jedes Suffix, selbst das grammatikalische Geschlecht eines Wortes, wurde durch solche Gesten vermittelt. Ein Schüler, der sich nur auf diese ungemein aufwendige Methode stützen konnte, verfügte also keinesfalls über ein adäquates Verständnis der einzelnen Zeichen, selbst wenn es ihm möglich war, diese Zeichen in ein dem Publikum vertrautes Französisch zu übersetzen. Das System des Abbé war demnach für Gehörlose kaum nachvollziehbar. De l’Épée bediente sich zwar auch jener Gebärdensprache, die in unkodifizierter Form unter Gehörlosen üblich war, doch nur, um seinen Schülern in deren »Muttersprache« ihre neue »Zweitsprache« zu vermitteln. Sein vorrangiges Interesse blieb die Ersetzung dieser authentischen Gebärdensprache durch systematische »französische« Gebärden. Erst die Schüler des Abbé konnten die Gebärdensprache, wie sie auch heute noch von Gehörlosen benutzt wird, gegen das System ihres Lehrers durchsetzen.

Die Auseinandersetzung um eine adäquate Methode meinte man anlässlich eines Kongresses 1880 in Mailand bereinigen zu können: Hörende Pädagogen schlossen sich den Vertretern der deutschen Methode an und legten fest, dass die Gebärdensprache fortan nicht mehr im Unterricht von gehörlosen Schülern und Schülerinnen eingesetzt werden und die Lautsprache die einzige Sprache des Unterrichts sein sollte. Hörende hatten hier ohne Einbeziehung der Betroffenen – sie waren zwar anwesend, durften jedoch nicht mit entscheiden – über deren Unterricht und Sprache bestimmt.

Wertvolle Publikationen aus der Leipziger Samuel-Heinicke-Schule werden in der Ausstellung gezeigt. Objekte aus dem Institut National des Jeunes Sourds in Paris illustrieren die unterschiedlichen Unterrichtsmethoden. Instrumente aus der Sammlung des Phonetischen Instituts der Universität Hamburg belegen die Vorgangsweisen der deutschen Methode. Gehörlose sollten lernen, laut zu sprechen, und Instrumente, die zum Teil auch für phonetische Experimente verwendet wurden, sollten diesen Lernprozess unterstützen.

Ein Chor von gehörlosen Jugendlichen singt in der Videoarbeit des polnischen Künstlers Artur Zmijewski ein Kirchenlied – mit lauten Stimmen. Der Künstler verweist zum einen auf den Stellenwert, den Lautsprache nach wie vor in der Erziehung Gehörloser einnimmt, zum anderen auf die Geschichte der Gehörlosenpädagogik, die ihren Anfang darin genommen hatte, gehörlose Menschen zum christlichen Glauben zu führen.

Linkempfehlungen:

- > Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Universität Hamburg

- > Forschungsgruppe DESIRE (Deaf and Sign Language Research Team - Aachen), RWTH Aachen

- > Institut für Gebärdensprache in Baden-Württemberg

Weiterführende Literatur:

Harlan Lane, Mit der Seele hören. Eine Geschichte der Gehörlosigkeit, Carl Hanser Verlag, München 1988.

Oliver Sacks, Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002.

Jonathan Rée, I see a voice: a philosophical history of language, deafness and the senses, HarperCollins, London 1999.

Ludwig Jäger, »Linguistik als transdisziplinäres Projekt: das Beispiel Gebärdensprache«, in: Hartmut Böhme, Klaus R. Scherpe (Hg.), Literatur und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien und Modelle, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 300-319.

Abbildungen:

Abbildung 1

John Bulwer (zwischen 1614-1684), Philocophus or the Deaf and Dumb Man’s Friend, London, 1648.
Samuel-Heinicke-Schule / Bibliothek für Hör- und Sprachgeschädigtenwesen, Leipzig.

Abbildung 2

Projektor-Phonoskop von Georges Demeny.
Abbildung aus G. Demeny »Les photographies parlants«, in: La Nature, 16. April 1892.
Privatsammlung

Abbildung 3

Jérôme Langlois: »Sicard au milieu d’un group d’élèves (dont Jean Massieu à gauche)« (1806)
Öl auf Leinwand
Collection Institut National de Jeunes Sourds de Paris
© Collection Institut National de Jeunes Sourds de Paris



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