Stimme als Medium
ZKM l Museum für Neue Kunst

2002 verkörperte Oscar-Preisträger Adrien Brody in »Dummy« (USA 2002, R: Greg Pritikin) einen scheuen, beruflich erfolglosen Sohn, dem es nicht gelingt, sich von seinen Eltern zu lösen. Als er sich endlich verliebt, verleiht ihm einzig seine Bauchredner-Puppe eine Stimme, die seine Gefühle und Gedanken zu äußern weiß, und die Puppe darf daher auch bei keinem Rendezvous fehlen. Ist die Bauchrednerpuppe zunächst noch Krücke für das fehlende Selbstbewusstsein, führt sie schließlich zu einer neuen Identität als begehrter Alleinunterhalter und damit zum angestrebten glücklichen Ende.
Die Rollen sind klassisch verteilt: die Puppe selbstbewusst und mutig; der Bauchredner naiv, die Stichworte liefernd und erstaunt über die freimütigen Wahrheiten aus dem Puppenmund. Derart inszenierte Duette zwischen Puppe und Bauchredner erzeugen den komischen Effekt eines solchen Auftritts und sind wohlvertraut. Der Hauptdarsteller des Films übte seine Kunst am Vorbild alter Vitaphone-Filme aus den 1930er Jahren, die den großen Bauchredner Edgar Bergen und seine Puppe Charlie McCarthy zeigen. Bergen verdankte seinen Erfolg interessanterweise einer NBC Radioshow, benannt nach ihrem Sponsor die »Chase and Sanbourne Hour«, in der er gemeinsam mit seiner Puppe jede Woche eine Stunde lang auftrat und auch Gäste wie Mae West, Marilyn Monroe oder W. C. Fields empfing. Man mag sich fragen, wie denn solche Auftritte – nur akustisch vermittelt – wirken konnten? Die Illusion der Vorführung erklärt sich nicht aus dem ohnehin Bekannten. Edgar Bergen hatte sich zudem nicht einmal sonderlich bemüht, die Bewegungen seines Kehlkopfs und seiner Lippen zu verbergen. Die suggestive Wirkung entsteht vielmehr dadurch, dass ein Mensch, in diesem Fall der Bauchredner, durch eine – seine – zweite Stimme, die Illusion eines zweiten Subjekts zu erzeugen imstande ist.
Doch obwohl die zweite Stimme nur einer lustigen frechen Puppe zugeordnet werden kann, bleibt ihr unheimlicher Effekt bestehen, der offensichtliche Zweifel daran, ob die Figur nicht doch ein Eigenleben entfaltete. Zudem lässt sich die Puppenstimme des Bauchredners kaum identifizieren. Wer spricht eigentlich? Ein Kind? Eine Frau? Ein Mann? Die Puppenstimme, die gleichsam aus dem Nichts entsteht, wurde auch zum Synonym einer freien Stimme, die sich nicht um Konventionen und Tabus schert.
Mit dem Medienwechsel der Bauchredner ins Fernsehen verliert die Kunst der Bauchrednerei ein wenig ihre Faszination, tritt doch die Kunst, eine zweite Identität herzustellen, gewissermaßen hinter die Kunst der Bauchrednerei selbst zurück. Die Bauchredner setzen ihre Fähigkeit eher dazu ein, in ihren Auftritten möglichst artistisch zu dokumentieren, was zu leisten sie imstande sind, während sie bauchreden. Man ist nicht so sehr berührt oder amüsiert von einer zweiten offenbar nicht kontrollierbaren Stimme. Der typische Fernsehbauchredner führt vielmehr vor, wie schwierig seine Kunst doch ist, wie viel Übung sie erfordert. Die großen Radioventriloquisten der 1930er und 1940er Jahre mediatisierten ihre zusätzliche Stimme und die enthüllende Wirkung des Radiomikrofons verlieh ihr zusätzlich Authentizität. Bauchrednerische Effekte treten uns nicht nur in der Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts entgegen.
Schon Wolfgang von Kempelen, der in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts seine Sprechmaschine einem Publikum in Deutschland, England und Frankreich vorführte, sah sich immer wieder dem Vorwurf der Bauchrednerei ausgesetzt. Edison musste ein verbessertes Phonographenmodell bei der Patentanmeldung in Frankreich noch als seriöses wissenschaftliches Experiment verteidigen, warf man ihm doch ventriloquistische Tricks vor.
Die Bauchrednerei bot noch zu Beginn der Phonographie ein Argument für und gegen die magische Wirkung der körperlosen Stimmen, die aus den Phonographen drang. Ob Sprechmaschinen aus dem 18. Jahrhundert, frühe Phonographen oder Reaktionen auf so manche ethnographische Aufnahme »im Feld«, all diese technischen Aufzeichnungen und Hervorbringungen wurden zunächst als bauchrednerische Kunst wahrgenommen. Doch gilt die Stimme als authentische, am Wenigsten kontrollierbare menschliche Äußerungsform. Die Frage bleibt also bestehen: Wer oder was wird mit der zweiten Stimme des Bauchredners eigentlich zum Leben erweckt?
Linkempfehlungen:
- > Linksammlung Ventriloquismus
- > The International Ventriloquists' Association
- > William Burroughs: »The Talking Asshole« (.mp3), aus ders. Naked Lunch , gelesen von Frank Zappa.
Weiterführende Literatur:
Kelly Asbury, Dummy Days. America’s Favorite Ventriloquists from Radio and Early TV , Angel City Press, Santa Monica 2003.
Steven Connor, Dumbstruck. A Cultural History of Ventriloquism, Oxford University Press, New York, Oxford 2000.
Valentine Vox, I Can See Your Lips Moving. The History and Art of Ventriloquism, Plato Publishing/Players Press, North Hollywood , Studio City 1993.
Abbildungen:
Abbildung 1
Christian Boltanski: »Zum Totlachen« (1974)
Fotographie, 20,5 x 18 cm
Karl Valentin-Musäum, München
© Christian Boltanski
Abbildung 2
Asta Groeting: »The Inner Voice / You are good« mit Buddy
Big Mountain (1999)
Video, 3:58 Min.
Still
© Asta Groeting
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