Stimme als Medium
ZKM l Museum für Neue Kunst

Spätestens mit George Cukors Filmmusical »My Fair Lady« (USA, 1964) hat die phonetische Wissenschaft Eingang in die Unterhaltungsindustrie gefunden. Professor Henry Higgins, dem Vorbild des Phonetikers Henry Sweet nachempfunden, lehrt Eliza Doolittle richtig zu artikulieren und schön zu sprechen. Besonders im britischen Englisch erfolgt die soziale Zuordnung von Sprechenden gleichermaßen über die dialektale Färbung eines Sprachgebrauchs wie über stimmliche Eigenschaften, seien es Höhe oder Lautstärke. Auch männliche Angehörige der Upper Class sprechen mit vergleichsweise höheren und leiseren Stimmen – Unterschiede, die im Film (und nicht nur dort) ausführlich zelebriert werden. Higgins versucht, die Stimme des Blumenmädchens nach neuesten wissenschaftlichen Methoden zu formen.
Schon in der ersten Szene notiert der Phonetiker die Worte Elizas in »Visible Speech«, jener phonetischen Schrift, die der Pädagoge Alexander Melville Bell Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte und die im Gehörlosenunterricht eingesetzt wurde. Die einzelnen Lautsymbole stellen schematisierte Darstellungen der menschlichen Artikulationswerkzeuge bei der Produktion des repräsentierten Lauts dar. Unter Einsatz unterschiedlichster phonetischer Instrumente wie Stimmgabeln, Atemvolumenmesser, der manometrischen Flamme nach Koenig etc., erfasst er die sprachlichen und stimmlichen Äußerungen des Blumenmädchens, setzt ihre Stimme in wissenschaftliche Daten um, die als Kurven, Atemausstöße und ähnliches mehr dargestellt werden. Der Unterschied zwischen den Artikulationen Elizas und »richtiger« englischer Aussprache wird so evident gemacht.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten Physiologen mechanische Apparate und Instrumente, welche die »unsichtbaren« Bewegungen des Körpers aufzeichnen sollten. Mit diesen neuartigen Instrumenten sollten auch die Stimme und ihre Entstehung möglichst exakt gemessen und aufgezeichnet werden, um sie nach unterschiedlichen Parametern zu analysieren und – wie wir gesehen haben – im Sinn des Wortes zu manipulieren. Die Erfassung der Stimme bzw. des Sprechvorgangs manifestierte sich in den phonetischen Wissenschaften von der Zeichnung eines Kymographen über die Chronofotografie bis zur mathematischen Simulation.
Die Sammlung des Phonetischen Instituts der Universität Hamburg dokumentiert nicht nur die Entwicklung technischer Methoden zur Erfassung und Darstellung von Stimme und gesprochener Sprache, sondern auch die Geschichte des ersten Instituts für Experimentalphonetik in Deutschland. Das Phonetische Labor wurde 1910 in Hamburg als Abteilung des »Kolonialinstituts« gegründet. Unter der Leitung von Giulio Panconcelli-Calzia (1878-1966), einem Schüler des Abbé Rousselot, wurden wesentliche Bestände der Sammlung angelegt, die exemplarisch in der Ausstellung zu sehen sein werden: Atemschreiber, Mundtrichter, Stimm-Mechaniken, künstliche Gaumen, Darstellungen der Lautbildung, Labiographen etc.
Eine wissenschaftshistorische Darstellung der Phonetik dokumentiert den engen Zusammenhang phonetischer Erfassungsmethoden zur frühen Chronofotografie und deren wissenschaftlichem Einsatz, den Gebrauch kinematografischer Apparaturen wie Mutoskope, um Artikulation in Bewegung zu versetzen, wie auch die wechselseitige Beeinflussung von schaustellerischen Strategien, die eingesetzt wurden, um neue Erkenntnisse zu veranschaulichen, und der Kreativität eines Wissenschaftlers, verborgene Prozesse wie die Artikulation der menschlichen Stimme in Bilder und Daten umzusetzen.
Weiterführende Literatur:
Wingolf Grieger, Führer durch die Schausammlung Phonetisches Institut, Christians Verlag, Hamburg 1989.
Giulio Panconcelli-Calzia, Quellenatlas zur Geschichte der Phonetik, Hanser Gildenverlag, Hamburg 1940.
Giusy Pisano-Basile, »Die Visualisierung der Sprache im 19. Jahrhundert: Vom wissenschaftlichen Experiment zum Unterhaltungsmedium«, in: Phonorama. Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2004 (im Druck).
Abbildungen:
Abbildung 1
Präparat Mundhöhle (um 1920)
Anatomisches Wachsmodell 9,5 x13,5 x 24,5 cm
Centrum für Anatomie Charité Universitätsmedizin Berlin, Charité Campus Mitte
Foto: Birgit Formann
© Centrum für Anatomie, Charité Universitätsmedizin Berlin, Charité Campus Mitte
Abbildung 2
Still aus »My Fair Lady« (USA 1964, R: G. Cukor)Mit freundlicher Genehmigung von CBS.
Professor Higgins, misogyner Phonetiker und Gentleman-Gelehrter, setzt die neuesten technischen Methoden ein, um seine Vorstellung von richtiger Sprechweise und Stimmführung am »weiblichen Exempel« zu statuieren. Regisseur George Cukor verwendete für seine Verfilmung 1964 (USA) echte phonetische Instrumente.
Abbildung 3
»Der größte Jochbeinmuskel, der Mundwinkelsenker, der Bläsermuskel, der Schließmuskel des Mundes« (um 1775-1785)
Vorstudien zur Anfertigung von anatomischen Wachsmodellen
Aquarell, 40,5x32 cm
Museum des Instituts für Geschichte der Medizin, Wien (Josephinum)
© Museum des Instituts für Geschichte der Medizin, Wien (Josephinum)
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