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Abbildung 1
Abbildung 2
Koloniale Grammophonie

Im frühen 20. Jahrhundert scheint es in Darstellungen von »primitiven« Völkern ein überraschender Gemeinplatz zu sein, ein Grammophon auf der Szene erscheinen zu lassen. Der amerikanische Anthropologe Michael Taussig stellt die Frage: »Warum sind Westler von der Faszination der Anderen an diesen Apparaten so fasziniert?« Unvergesslich der ungläubige Blick von Nanook in dem Film »Nanook of the North« (USA 1922, R: Robert Flaherty), einem Klassiker des ethnographischen Films. Nanook hört die Töne aus dem Grammophon eines weißen Pelzhändlers und versucht, die Schallplatte zu essen. Oder Werner Herzogs Fitzcarraldo in dem gleichnamigen Film (Peru/D 1982), der Visionär, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts, während des Kautschukbooms, mit einem Grammophon den oberen Amazonas befährt. Die Stimme von Caruso überflutet die Wälder und Flüsse, die Indianer sind gänzlich verblüfft, als Alt-Europa seine ekstatischen Kunstformen über sie bringt. Der Trichter des Grammophons, der Opern vom Schiffsdeck brüllt, eine »Orchidee der Technologie im dichten Wald des Primitiven« (M. Taussig), teilt das Wasser und hält die braunen Indianer am Ufer zurück, während sich der Flussdampfer weiter in das Innere Südamerikas begibt. In der Dokumentation »First Contact« (AUS 1983) von Bob Connolly und Robin Anderson sehen wir Filmaufnahmen aus den 1930er Jahren, die australische Goldgräber gedreht hatten, als sie als erste Weiße das Hochland von Neuguinea – auf der Suche nach Gold – betraten: Die Hochlandbewohner erstarrt, gebannt von den Tönen, die aus dem Phonographen kommen, den einer der Goldgräber in die Menge hält. (»Wir glaubten unsere Ahnen singen zu hören« erzählen die Papuas Jahrzehnte später den Dokumentarfilmern.) Der Goldgräber nähert sich den skeptischen Gesichtern, die Maschine vorsichtig balancierend. Scheinbar ist er von der Magie der Weißen besessener als die Eingeborenen und scheinbar verlangt diese Besessenheit nach Vorführung. Diese Grammophonvorführung muss schließlich auch auf Zelluloid gebannt werden.

Die Magie mechanischer Produktion selbst scheint den Grund zu liefern für die westliche Faszination an der Faszination der Anderen an dem sprechenden Apparat. Im Westen ist diese Magie unaussprechbar und wird als der technologische Gehalt zivilisierter Identitätsbildung verstanden. Die Reaktionen auf die sprechende Maschine bilden gewissermaßen eine koloniale Demarkationslinie, werden zu Argumenten für das Selbstbild einer zivilisierten Kultur, die vorgibt, mit der geheimnisvollen Maschine einen alltäglichen Umgang gefunden zu haben. Weder der Film der Goldsucher im Hochland Neuguineas in den 1930er Jahren noch Fitzcarraldo am oberen Amazonas im frühen 20. Jahrhundert konnten den Phonographen zu diesem Zweck erfinden. Gegenüber den Wilden sind sie jedoch die Herren dieser Wunder. Doch diese Schocks leben im geheimnisvollen Unterleib der Technologie weiter – und werden als »Magie« in den Ritualen ausgeweidet, die an der kolonialen Grenze technologische Überlegenheit demonstrieren sollen. Die Sprechmaschine in den Dschungel mitzunehmen, heißt die Vollkommenheit mechanischer Reproduktion in einer Zeit zu unterstreichen, da diese Technologie, nachdem sich die erste nervöse Aufregung über den Durchbruch zu etwas Neuem gelegt hat, nicht mehr für Mystik oder Poesie, sondern für alltäglich gehalten wird. Die Sprechmaschine in die Wildnis zu schleppen, heißt mehr zu tun als nur die Eingeborenen und auch sich selbst mit der Macht der westlichen Technologie zu beeindrucken.

»Es heißt, das mimetische Vermögen wieder als Geheimnis in die Kunst mechanischer Reproduktion einzusetzen, das Primitive, das in den wildesten Träumen der Technik steckt, wieder mit Leben zu erfüllen, somit ein Übermaß an mimetischer Kraft zu schaffen.« ( Michael Taussig)

Weiterführende Literatur:

Michael Taussig, Mimesis und Alterität. Eine eigenwillige Geschichte der Sinne, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1997.

Thomas Theye (Hg.), Der geraubte Schatten. Eine Weltreise im Spiegel der ethnographischen Photographie, Verlag C. J. Bucher GmbH, München, Luzern 1989.

Burkhard Stangl, Ethnologie im Ohr. Eine Wirkungsgeschichte des Phonographen, WUV Universitätsverlag, Wien 2000.

Abbildungen:

Abbildung 1

Grammophon-Nadeldose
Hersteller unbekannt, vermutlich Wunderlich & Baukloh, Iserlohn, um 1928-1938
Dr. Rainer E. Lotz
© Sammlung Rainer E. Lotz, Bonn

Abbildung 2

»A la Conquête du monde« - Eroberung der Welt mit Phonograph und Kinematograph. Werbetafel der Pathé Fréres (o.J.)
27,5 x 21,5 cm
© Julien Anton, Paris



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