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Stimmsammlungen

Die Idee, Töne und Stimmen systematisch zu sammeln, fand um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert ihre Umsetzung in der Gründung von Archiven, die der Erzeugung und Aufbewahrung von Tondokumenten gewidmet waren. Solche Archive wurden in Wien, Berlin, St. Petersburg oder auch Paris eingerichtet. Während die ersten Stimmsammler bestrebt waren, Realität einzufangen und als phonographierte Geschichtsschreibung der Nachwelt zu erhalten, ging es einem Künstler wie Andy Warhol darum, den Widerspruch zwischen der Authentizität jeder stimmlichen Äußerung und der Flüchtigkeit der unzähligen von ihm aufgenommenen Gespräche darzustellen.

Das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde 1899 als wissenschaftliches Schallarchiv gegründet und stellt das älteste audiovisuelle Archiv der Welt dar. Hier wurde der Wiener Archiv-Phonograph entwickelt und ab 1901 bei Feldforschungen eingesetzt. Der Physiologe Sigmund Exner, der den Antrag auf die Gründung des Archivs gestellt hatte, hielt in seinem Antrag die Strategien des Archivs fest: Erstens wollte man sämtliche Sprachen in ihrem Zustand am Ende des 19. Jahrhunderts aufnehmen. Der zweite wichtige Aufgabenbereich sollte der Musik und hier besonders der außereuropäischen Musik gewidmet sein. Als dritte Abteilung wurde die Aufnahme so genannter Stimmporträts gefordert. Damit war der Grundstein für ein wissenschaftliches und interdisziplinäres Archiv gelegt, dessen Ziel es war und ist, Schallaufnahmen als Quellen für verschiedenste Forschungsziele und -aufgaben ohne fachspezifische Grenzen und Schwerpunktvorgaben zu sammeln.

Heute erfährt die Sammlung laufend Zuwachs durch Aufnahmen von Mitarbeitern, durch Forschungsprojekte, die vom Phonogrammarchiv technisch unterstützt und betreut werden, sowie durch die Übernahme von kulturhistorisch bedeutenden Sammlungen, die unabhängig vom Phonogrammarchiv angelegt wurden. Das Archiv stellt einen »Gedächtnisspeicher« von Tönen und Stimmen dar, die nicht mehr oder nur noch verändert existieren. Die historischen Sammlungen wurden als »Bestände universaler Bedeutung« in das UNESCO-Weltregister des »Memory of the World«-Programms eingetragen.

Das Berliner Phonogramm-Archiv wurde 1900 auf Anregung von Carl Stumpf gegründet, der eine Professur für Psychologie an der Universität Berlin innehatte. Stumpfs Forschungsinteresse richtete sich auf die Frage nach dem Ursprung von Musik und er folgte dabei musikpsychologischen Gesichtspunkten. Der Schwerpunkt seiner Sammeltätigkeit lag bei Aufnahmen traditioneller Musik und musikalischen Erzeugnissen fremder Völker. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde weltweit gesammelt, besonders aber in den deutschen Kolonien. Während des Kriegs nahm Stumpf gemeinsam mit Wilhelm Doegen, dem späteren Leiter des Lautarchivs, auch die Stimmen von Kriegsgefangenen auf, die in deutschen Lagern festgehalten wurden. Die musikalischen Aufnahmen verblieben in der Sammlung des Phonogramm-Archivs, die Sprachaufnahmen bildeten schließlich den Grundstock für das 1920 gegründete Lautarchiv. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Sammlungen des Phonogramm-Archivs evakuiert, gelangten nach Leningrad, von dort Ende der 1950er Jahre in den Ostteil Berlins. Im Rahmen eines Ost-West-Abtauschs konnten im Museum für Völkerkunde in Berlin-Dahlem Tonbandkopien angefertigt werden. Seit 1991 befindet sich der gesamte Bestand in Dahlem. Das Berliner Phonogramm-Archiv gilt als das umfangreichste Schallarchiv der Welt und wurde 1999 als Weltkulturerbe in das UNESCO-Weltregister »Memory of the World« aufgenommen.

Das Lautarchiv Berlin wurde 1920 als Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek gegründet, die Leitung übernahm der Lehrer und Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen. Neben den Aufnahmen, die Doegen in Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs gemacht hatte, wurde auch die seit 1917 gemeinsam von Doegen und dem Chemiker Ludwig Darmstaedter an der Preußischen Staatsbibliothek aufgebaute Sammlung von Stimmportraits berühmter Persönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts übernommen. Die Sammeltätigkeit des Lautarchivs umfasste vorwiegend deutsche Mundarten, aber auch fremde Sprachen und Dialekte, es wurden zudem Aufnahmeexpeditionen ins europäische Ausland unternommen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden wieder Aufnahmen in den Kriegsgefangenenlagern gemacht. 1969 wurde das Lautarchiv als Abteilung Phonetik/Sprechwissenschaft in der Sektion Rehabilitationspädagogik und Kommunikationswissenschaft der Humboldt-Universität Berlin angegliedert. Heute gehört das Lautarchiv zum Musikwissenschaftlichen Seminar der Humboldt- Universität.

Andy Warhol hat mit seinen kontinuierlichen Aufnahmen – »When I say ’we’ I mean my tape recorder and me. « – wohl eine der umfangreichsten privaten Stimmsammlungen angelegt, die zugleich die Materialen für seine künstlerische Arbeit bot. Seine Veröffentlichungen wie a. a novel (1968, mit Ondine), The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and back again), oder The Index Book (1967, mit begleitender Flexidisc, die Reaktionen der Factory auf das Buch festhält) basieren auf seinen über 4.000 Tonbandaufnahmen, die sich heute in den Archiven des Andy Warhol Museums in Pittsburgh befinden.

Linkempfehlungen:

- > Das Berliner Lautarchiv

- > Berliner Phonogramm-Archiv

- > Phonogrammarchiv Wien

- > UNESCO Memory of the World Register

- > The British Library Sound Archive

- > Bibliothèque nationale de France

CD Editionen:

Phonogrammarchiv Wien

Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Gesamtausgabe der Historischen Bestände 1899-1950. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien.

Series 1:
The First Expeditions 1901 to Croatia, Brazil and the Isle of Lesbos.
Comments by Friedl Grünberg et al. OEAW PHA CD 7, 1999.

Serie 2:
Stimmporträts.
Kommentiert von Peter Michael Braunwarth et al. OEAW PHA CD 8, 1999.

Series 3:
Papua New Guinea (1904-1909).
The collections of Rudolf Pöch, Wilhelm Schmidt, and Josef Winthuis.
Comments by Don Niles. OEAW PHA CD 9, 2000.

Serie 4/Series 4:
Soldatenlieder der k. u. k. Armee/Soldier Songs of the Austro-Hungarian Army.
Kommentiert von Oskár Elschek/Comments by Oskár Elschek. OEAW PHA CD 11, 2000.

Series 5:
The Collections of Rudolf Trebitsch (1906-1913).
Series 5/1:
Recordings from Greenland (Kalaalit Nunaat) 1906. Comment by Michael Hauser.
OEAW PHA CD 14, 2003.
Series 5/2:
Celtic Recordings - Ireland, Wales, Brittany, Isle of Man, and Scotland (1907-1909). Comment by Ulla Remmer.
OEAW PHA CD 15, 2003.
Series 5/3:
Basque Recordings 1913. Comment by Bernhard Hurch.
OEAW PHA CD 16, 2003.

Serie 6/Series 6:
Schweizer Aufnahmen (deutsch).
Serie 6/1:
Schweizer Aufnahmen (deutsch).
Kommentare von Jürg Fleischer und Thomas Gadmer. OEAW PHA CD 16, 2002.
Serie 6/2:
Schweizer Aufnahmen (deutsch).
Kommentare von Jürg Fleischer und Thomas Gadmer. OEAW PHA CD 17, 2002.
Serie 6/3:
Enregistrements Suisses / Ricordi sonori Svizzeri / Registraziuns Svizras (français, italiano, rumantsch).
Kommentare von Jürg Fleischer, Thomas Gadmer, Ricarda Liver, Raphaël Maître, Mario Vicari. OEAW PHA CD 18, 2002.

Series 7:
Rudolf Pöch's Kalahari Recordings (1908).
Comments by Regine Allgayer-Kaufmann et al. OEAW PHA CD 19, 2003.

Berliner Phonogramm-Archiv

Music! 100 Years of the Berlin Phonogramm-Archiv. Museum Collection Berlin / WERGO (4 CDs + 284-page booklet) SM 1701 2, Mainz 2000.

Berliner Phonogramm-Archiv: Historische Klangdokumente 1, Walzenaufnahmen japanischer Musik 1901-1913. Serien-Nummer: BPhA-WA 1. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2003.

Berliner Phonogramm-Archiv: Historische Klangdokumente 2, Walzenaufnahmen aus Peru 1910-1925. Serien-Nummer: BPhA-WA 2. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2003.



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