ZKM

Abbildung 1
Abbildung 2
Heilige Stimmen

Dieses Ausstellungskapitel beschäftigt sich mit Einsatzformen der menschlichen Stimme im Ritus.

Ausschnitte aus einer Fernsehdokumentation von Valie Export, Ingrid und Oswald Wiener (»Das unsagbare Sagen«, ORF 1992) zeigen beispielsweise Anhänger amerikanischer Pfingstgemeinden beim Glossolalieren – dem Sprechen ohne vernehmbaren Sinn – im Rahmen religiöser Veranstaltungen. Während des Gottesdienstes erfährt der Gläubige durch die Gabe des »Sprechens in Zungen«, die er vom Heiligen Geist empfängt, eine intensive Nähe zu Gott, die durch das Beten in »normaler« Sprache nicht hergestellt werden kann. Anhänger der Pfingstbewegungen betonen, dass ihr Glossolalieren nicht in Verbindung mit jenen tranceartigen oder ekstatischen Zuständen, durch die in anderen Religionen ähnliche Phänomene hervorgerufen werden, zu bringen sei. Der Glossolalierende wäre »bei Sinnen« und könne über seine Rede jederzeit bestimmen.

Als Vorbilder wie Ausgangspunkte dienen den Anhängern jener Bewegungen die biblische Erzählung vom »Pfingstwunder«, bei dem die Jünger Jesu, vom Heiligen Geist erfüllt, in fremden Zungen zu predigen begannen, und ein Kapitel aus Paulus’ erstem Brief an die Korinther, das er der Rede in Zungen widmet (1. Kor. 14).

Im selben Kapitel des Ersten Briefes Paulus’ an die Korinther findet sich der viel zitierte Passus darüber, dass die Frauen in der Gemeindeversammlung zu schweigen hätten, ein Thema, das die Kirche wie ihre Anhänger bis heute polarisiert. Die orthodoxe Auslegung dieser Stelle diente als Legitimation, beim Gesang in der Kirche die hohe weibliche Stimme durch Knaben und später durch Falsettsänger zu ersetzen, bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts über Spanien die ersten Kastraten in Italien und im Vatikan bekannt und engagiert wurden. Deren Gesang - keinem Geschlecht zuordenbar und in Höhe, Ausdauer, Umfang und Volumen allen Stimmlagen überlegen – wurde als der »Gesang der Engel« verehrt und gefeiert. Wurden die Kastraten zunächst als Interpreten polyphoner Messen in den Kirchenchören eingesetzt, so sollte sich ihre Virtuosität erst in der barocken Oper des 17. Jahrhunderts voll entfalten. Es waren durchaus nicht nur Frauenrollen, die von den Kastraten gesungen wurden - im Gegenteil, zunehmend wurden ihnen die Rollen der männlichen Helden auf den Leib geschrieben. Der hohen Stimme wurden keine unmännlichen Attribute sondern vielmehr Jugend, Überlegenheit, Stärke zugeordnet.

Einige Kastraten gelangten zu immensem Ruhm und Reichtum. Viele Eltern entschlossen sich, ihre Söhne vor dem Einsetzen der Pubertät kastrieren zu lassen, um ihnen und sich selbst ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Die wenigsten erreichten aber die stimmlichen Qualitäten, um in der Kirche oder gar in der Oper reüssieren zu können.

Im Zuge der Opernreformen des ausgehenden 18. Jahrhunderts verlor die Ästhetik der Kastratenstimme zunehmend an Bedeutung, 1878 wurde die Kastration schließlich per päpstlichem Dekret verboten, der letzte Kastrat des vatikanischen Chores, Alessandro Moreschi, starb 1922. Von ihm sind phonographische Aufnahmen erhalten, die Fred Gaisberg in den Jahren 1902 und 1904 aufgenommen hatte. Trotz oder vielleicht wegen der technischen Qualität einer Aufnahme auf Wachswalze und des fortgeschrittenen Alters des Sängers lässt sich ein Eindruck von der ehemals auratischen Kraft der Kastratenstimme erahnen.

Weiterführende Literatur:

Patrick Barbier, The World of the Castrati, Souvenir Press Ltd., London 1996.

Per Olov Enquist, Lewis Reise, Carl Hanser Verlag, München 2003.

Franz Haböck, Die Kastraten und ihre Gesangskunst. Eine gesangsphysiologische, kultur- und musikhistorische Studie, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1927.

Thomas Macho, »Glossolalie in der Theologie«, in: Friedrich Kittler, Thomas Macho, Sigrid Weigel (Hg.), Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme, Akademie Verlag, Berlin 2002, S. 3-17.

Hubert Ortkemper, Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten, Henschel Verlag, Berlin 1993.

Abbildungen:

Abbildung 1

Valie Export, Ingrid und Oswald Wiener: »Das Unsagbare Sagen«
Videodokumentation, ORF 1992 (45 Min.)
Still: Glossolalisches Sprechen bei religiösen Veranstaltungen amerikanischer Pfingstgemeinden.
© Valie Export, Ingrid und Oswald Wiener

Abbildung 2

»Concert Italien«
Satyre auf den Kastraten Gaetano Majorano, genannt Caffarelli (1703-1783).
Stich, 28,0 x 21,5cm
Portraitsammlung F.N. Manskopf
Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, Musik- und Theatersammlung
Foto: Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main



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