Ulf Aminde
Sue de Beer
Walead Beshty
Martin Dammann
Harry Dodge & Stanya Kahn
Brock Enright
Barnaby Furnas
Luis Gispert & Jeffrey Reed
Nan Goldin
Dan Graham
Nicolás Guagnini
Elín Hansdóttir
Jutta Koether
Terence Koh
Erik van Lieshout
Ján Mančuška
Marlene McCarty
John Miller
Chloe Piene
Adam Putnam
Stephen G. Rhodes
Kirstine Roepstorff
Aïda Ruilova
Florian Slotawa
Javier Téllez
Mark Titchner
Ryan Trecartin & Lizzie Fitch
Jennifer West
Charlie White
In Caravaggios Gemälde David mit dem Kopf des Goliath (1608-1611) lesen wir auf Davids Schwert die Abkürzung „H-AS OS”, d. h. „humilitas occidit superbiam” bzw. Demut zerstört Stolz. Ein halbes Jahrzehnt später vermutete Manilli, Caravaggio habe sich in dem Kopf selbst und in dem Jungen Caravaggino porträtiert. Dieses Bild und Manillis Vermutung bilden einen möglichen Hintergrund für Charlie Whites Champion (2005), in dem ein junger David das abgetrennte Haupt eines Goliath hält, in dessen Zügen wir eine gealterte Version des Künstlers selbst finden. Es ist dies, so könnte man sagen, das Alpha und Omega von Whites Serie Everything Is American (2005–2006). Während ein rasches Urteil über einen Großteil seiner Arbeit zu dem Schluss kommen könnte, dass White jenseits der amerikanischen Typologie, die in seinem stark inszenierenden Ansatz bei der Bildgestaltung immer im Blickfeld bleibt, auf Archetypen verweist – d. h. stets wiederkehrende Bilder der kollektiven und individuellen Vorgeschichte – liefert Champion auch einen wichtigen Schlüssel zu der Erkenntnis, dass dies völlig falsch ist.
Wenn Archetypen auf die Vorstellung einer ewigen Wiederkehr von Bildern verweisen und von psychischen Forderungen und Ängsten, denen durch erneute Verbildlichung eine Form gegeben wird, dann verweist die Allegorie auf etwas, das es überhaupt nie gegeben hat. Wenn Archetypen über eine Art Halluzination auf einst erfahrene Befriedigungen verweisen, dann verweist die Allegorie auf eine beharrliche Leere, die sowohl vor als auch jenseits von Befriedigung liegt. Whites Arbeit vollzieht diese Trennung wieder und wieder; sie flirtet mit beiden, am Ende jedoch landet sie sicher auf Seiten der Allegorie. Daher implodiert die Phrase „Everything is American” in ihrer Konfrontation mit dem Betrachter; der implizite Anspruch der amerikanischen Kultur, Endpunkt des Strebens nach Glücks zu sein, Höhepunkt des unendlichen Kampfes der Menschheitsgeschichte, beginnend mit Homo Habilis (2005) und seiner Aneignung von Werkzeugen und endend mit der ewigen Energie der kulturellen Quelle der Post-Histoire, dem Körper und Geist – kalifornischer? – Teenager, wie in 1957 (2005), und deren weltpolizeilichem Gegenpart in The Americans, US Armed Forces (2005).
Kehren wir jedoch für einen Augenblick zu Champion zurück. In Caravaggios Gemälde trägt der jugendliche Mörder sein „Werkzeug” noch immer bei sich – das aus dem Bildbereich hinausweisende Schwert. Sein Blick ist (mit Ekel, wie einige meinen) auf den riesigen Kopf des Enthaupteten gerichtet, der sich abwendend – untote Leibhaftigkeit – hinunter auf den Boden schaut. Sie sind miteinander in dem Bild gefangen. Keiner von beiden erkennt etwas an bzw. ist in der Lage etwas anzuerkennen, das außerhalb ihrer Begegnung liegt. Man könnte das Gemälde natürlich der standardmäßigen ödipalen Lesart unterziehen: Der junge „Caravaggio” ermordet eine Vaterfigur, um sich in den Raum einschreiben zu können, der sich durch diesen Akt eröffnet, um in die – symbolische - Geschichte einzutreten. Bei beiden Figuren handelt es sich jedoch um dieselbe Person – sie sind beide Caravaggio. Damit treten wir in den Bereich des Egos. Es ist dies jedoch kein triumphierendes Ego, das sein Feld zu einer Welt zusammenfügt. Es ist vielmehr gespalten in ein totes Objekt und ein wachsames „Ich”, das weiß oder zu wissen scheint, dass dieses Objekt stets wiederkehren kann, und dass der Kopf des Goliath als Wiedergänger seinen authentischsten Zustand erreicht hat: den des Untoten. Im Gegensatz dazu und notwendig vor diesem Hintergrund zu verstehen, blicken die beiden Augenpaare in Champion die Betrachter an. Ihre Blicke halten die Betrachter nicht „außen vor”, sondern holen sie in ihr Reich und erlauben ihnen zu erkennen, dass sie schon immer dort waren. Das betreffende Ego wird damit aus dem Bild, aus dem Reich des Künstlers in dasjenige der Betrachter übertragen. Dies geschieht auch in Whites Neuschaffung der Pietà, The Americans, U S Gymnastics Team (2005), in der der einzige vorhandene Buchtstabe, das „U” – gesprochen „you”, also: Du - auf dem Polo-Shirt des Trainers, dieselbe Umwandlung vollzieht. Durch diese Verschiebungen gelingt es White, von den imaginären Identifikationen der Archetypen zur symbolischen Ebene der Allegorie zu gelangen. Damit eröffnet seine Arbeit eine drängende Frage – die der Verantwortung, und zwar nicht im hitzigen moralistischen Sinne, sondern verstanden in Hinblick auf das, was ich als ihre beinahe kühle bzw. distanzierte und politische Bedeutung bezeichnen würde. Nicht die Allegorie verbirgt die Wahrheit, sondern unsere Identifikation mit Bildern. White verhindert diese Identifikation, indem er den Bildbereich durchkreuzt und uns durch Distanz und direktoriale Konstruktion einbezieht, nicht einfach durch Schock oder Ekel. Die Allegorie weiß, dass es sich bei den Bildern, die sie verwendet und zu verwenden gezwungen ist, um Fiktionen handelt. Es sind wahre Fiktionen, als solche steht hinter ihnen dennoch nichts. Weit entfernt davon, eine ewige Wiederkehr desselben Bildes, derselben Befriedigung oder desselben Begehrens festzuschreiben, eröffnet die Allegorie einen Raum der Freiheit und Verantwortung. „H-AS OS” steht auf Caravaggios Schwert geschrieben. Wenn wir bedenken, dass die Reformation an ihrem Beginn „humilitas” mit „Nichtigkeit” übersetzt, können wir über Whites Bild das Folgende sagen: „Nichtigkeit zerstört Stolz.” Nichtigkeit, Unbestimmtheit, ist auch Freiheit. Seine Arbeit versetzt uns in die sich hieraus eröffnende Dialektik.
F. E.
Lebt und arbeitet in Los Angeles
| Einzelausstellungen | |
| 2006 | Everything Is American, (touring) Brändström & Stene, Stockholm; DA2 Center of Contemporary Art of Salamanca, Spain; Wohnmaschine, Berlin; f a projects, London; Andrea Rosen Gallery, New York |
| 2003 | And Jeopardize the Integrity of the Hull, Andrea Rosen Gallery, New York |
| 2001 | Understanding Joshua, Andrea Rosen Gallery, New York |
| 1999 | In a Matter of Days, Andrea Rosen Gallery, New York |
Gruppenausstellungen | |
| 2006 | Dark Places, Santa Monica Museum of Art, USA |
| 2004 | Otherwise: Phantastic Art, Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz, Austria |
| 2003 | Octopus 4: More Real Than Life, Gertrude Contemporary Art Spaces, Melbourne, Australia |
| 2001 | Sometimes Warm and Fuzzy: Childhood and Contemporary Art, P.S.1 Contemporary Art Center, New York |
| 2000 | Above Human, Yerba Buena Center for the Arts, San Francisco, USA |
Publikationen | |
|
Charlie White, Monsters (New York, 2007).
Grace Glueck, „Charlie White: Everything Is American,” in: The New York Times (February 10, 2006). Charlie White, And Jeopardize the Integrity of the Hull (Amsterdam, 2003). Charlie White, Photographs (Frankfurt/Main, 2001). | |
