Critical Zones Podcast: Die dünne Haut der Zivilisation

Ein Beitrag von Francesca Romana Audretsch

Das Foto zeigt die Hydroökologin und Künstlerin Christina Gruber vor einer Installation.
Foto des NASA-Space Centers in den Sumpfgebieten des Mississippi

01 Christina Gruber: From Mud to Outer Space

/ Credit

© Francesca Romana Audretsch

»Die dünne Haut der Zivilisation« – ein Titel, gewählt in Anlehnung an den Ausstellungskatalogstitel »Das dünne Eis der Zivilisation« der Alexander Kluge Ausstellung des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart 2020. Sie wurde während des Einbruchs der COVID-19 Pandaemie realisiert. Also in einer Zeit, in der wir Menschen langsam feststellen mussten, dass sich ein neuer Begleiter, auf ungewisse Zeit, unserem Alltag angeschlossen hat: der SARS-CoV-2 Virus.
 

Seitdem verhandeln verschiedene Kunstinstitutionen verstärkt, ob Ausstellungsräume als Möglichkeitsräume für die Dekonstruktion, Transformation und Verschiebung hegemonialer Wissensformationen funktionieren. Die Bewohnbarkeit unserer Erde ist eine Fragestellung, die nicht nur seit Beginn der Corona-Pandemie notwendig ist, sondern seit der Industrialisierung und der einhergehenen Erderwärmung. Wie weit muss uns der Boden unter den Füßen schmilzen, dass wir Verantwortung zeigen und danach handeln? Denn in einer vermeintlich technisch-innovativen und wissenschaftlich-fortschrittlichen Gesellschaft, scheint es Normalität zu sein parallel zu täglichen Genoziden und Kriegen im 'Einklang mit Natur und Kultur' zu leben. Wir können nicht weiter die Menschheit auf eine privilegierte Gruppe reduzieren, denn die kritische Zone – unser Wohn- und Lebensraum – wird nicht nur von uns Menschen, sondern auch von nicht-menschlichen Wesen bewohnt. Die Bewohnbarkeit der kritischen Zone fordert ein Gemeinschaftswesen aller in unseren Lebensräumen parallel lebenden LebensgefährtInnen. Aber wie lernen wir Begegnungen mit Lebewesen aller Art mit einer Fürsorge zu tragen? 

Mit Christina Gruber widmen wir uns den Giganten unter diesen 'Companion Species': den sogenannten »Water Bodies«. In Christina Grubers künstlerischer Praxis sind damit nicht nur Gewässer wie Flüsse gemeint, sondern auch alle darin lebenden Körperschaften und Lebewesen, wie dem Wasserfloh oder einer 200 Millionen Jahre alte Knochenfisch, dem Stör. Die Tatsache, dass alle Flüsse im Meer münden, ist für Christina Gruber so faszinierend, dass sie genau diese grenzenlosen Verwandtschaften und ihre Kreisläufe wissenschaftlich erforscht und dabei stets Sorge trägt.
In diesem Podcast fahren wir zusammen mit der Künstlerin über die unbesiedelten Sumpfgebiete des Mississippi und die vielseitige Nachbarschaft des Donaugewässers.

Mit besonderem Dank an Nena Wagner und Erich Maier.

Ein Beitrag von Francesca Romana Audretsch.

Weiterführende »Critical Zones« Lektüre: 
• Anuradha Mathur's und Dilip da Dacunha's »Mississippi Floods«

Christina Gruber, geboren 1987, ist Künstlerin und Gewässerökologin, die an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeitet. In ihrem Schaffen befasst sie sich mit gesellschaftlichen Phänomenen und ihren Effekten auf die Erdoberfläche. Sie hat ihre Arbeit international am HKW Anthorpocene Campus Berlin, Ars Electronica Festival, Kunsthalle Exnergasse Wien, Kunstforum Warschau, Kulturtankstelle Linz, Chronus Art Center Shanghai und CAC New Orleans ausgestellt und Lecture-Performances und Talks in Museen, auf Festivals und bei Konferenzen gehalten. Christina Gruber ist wissenschaftliche Forscherin am Institute of Hydrobiology an der Universität für Bodenkultur Wien. Sie nimmt am LIFE Sterlet-Projekt für die Wiederbevölkerung der Donau mit Stören teil.