Die Skulptur im Video
30.01.2003 – 04.05.2003

Klassischerweise zählen die Raumachsen zu den charakteristischen Größen der Skulptur. Höhe, Breite, Länge dienen sowohl der Beschreibung wie der Kennzeichnung eines bildhauerischen Werkes, welches über viele Jahrhunderte hinweg durch stabile Materie wie Eisen oder Bronze langlebig, um nicht zu sagen unvergänglich, im Realraum konstruiert wurde.
Dieser über Generationen hinaus nicht in Frage stehende Sachverhalt musste ab Mitte der 1960er Jahre vollständig neu diskutiert werden. Idee und verfügbare Technik der Zeit leiteten die KünsterInnen an, neue an den Medien orientierte Wege zu gehen. Während Happenings und Performances in der Live-Darbietung einerseits das unveräußerliche Erlebnis der Einmaligkeit körperlicher Präsenz dem anwesenden Publikum zugänglich machten, führte die Aufnahme derselben auf Video gleichzeitig dazu, die Raum- und Zeitwahrnehmung neu zu formulieren.
Insofern trafen zu diesem historischen Zeitpunkt zwei konträre Prinzipien aufeinander, die sich phänomenologisch ergänzen und erst in der Zusammenschau den grundlegenden Wechsel der skulpturalen Parameter deutlich machen: Von diesem Moment an verlor die Skulptur ihre eindeutige Verankerung in der räumlichen Dimension, um zukünftig auch als zeitbasiertes Werk zu existieren. Natürlich gab es und gibt es weiterhin Plastiken in der traditionellen Erscheinung aus Stein und Erz, aber daneben etablierten sich bekennende Bildhauer, die mit Fotografie und Video arbeiten, die prozessuale Kunstwerke erschaffen.
Die Videosammlung des ZKM belegt eindrucksvoll die Spannbreite des neuen medialen Skulpturenbegriffs samt seiner Grenz- und Schattenbereiche.
Für die Archivausstellung »Skulptur im Video« wurden einige prägnante Videos ausgewählt, die die historische Entwicklung der vergangenen 30 Jahre deutlich machen. Ausgehend von Bruce Naumans Arbeit »Wall / Floor Positions« aus dem Jahr 1968 entspannt sich ein Bogen bis zum »Super Desk« von Julia Scher, das in der ZKM-Ausstellung »CTRL[Space]«, 2001, gezeigt wurde.
 

1. Der Körper als Zeit-Statue

Nauman war einer der ersten, die den Raum und sein axiales Ordnungsgefüge mit Hilfe des eigenen Körpers untersuchten. »Die Wall / Floor Positions« halten zunächst an den Vorgaben der Umwelt fest. Die Beine werden gegen die Wand gestemmt, die Arme wirken der Schwerkraft entgegen. Nauman hält einige Minuten inne, dann fährt er fort. Stellungswechsel, ein Arm spannt sich nun der Wand entgegen, der andere verharrt usw.
Auch in »Rocks in Navel« von Dennis Oppenheim, 1970 geschaffen, steht der menschliche Körper im Vordergrund, diesmal jedoch ein spezielles Körperteil, der Nabel, in extremer Nahsicht. Wie das Wasser einer Brunnenfontäne stäuben kleine Steinchen in die Höhe, um anschließend in die Tiefe des Nabels zurück zu kullern.

 
2. Die Natur (körperliche Organe) als mediale Inszenierungen

Ab 1960 befreite sich die vorherrschende abstrakte Gestik in der Kunst zugunsten der Figuration. Maler wie z.B. Horst Antes, Bildhauer wie César brachten einzelne Körperteile zurück in den künstlerischen Disput.
Peter Weibel analysiert in seiner Werkreihe »TV + VT, 1969-1972«, die mediale Disposition der Mediennutzer in physischer wie psychischer Hinsicht. In einem Ausschnitt daraus sehen wir den Künstler inmitten der Stadt. Vor sich ein Videogerät, dem er »Ein« befiehlt. Doch sobald das Tape in Gang gesetzt wird, ertönt das »Aus« durch die Maschine. Der Künstler folgt der Anweisung. Ziel ist es Mensch und Maschine im Wettkampf zu erproben. Resultat dieser komplexen Verbindung ist nicht zuletzt die Präsenz der Stimme, die im vorgegebenen Takt sich bis zur Erschöpfung verausgabt - ein symbolisches Geschehen in der Zeit.
Formal ähnlich, wenngleich in anderer Intention, begibt sich Vito Acconci in den Dialog mit dem Tonband. »Face-Off« nennt er seine Arbeit, die auch ein Duell zwischen Mensch und Maschine darstellt. Während eine Stimme vom Band private Angelegenheiten bis zu intimen Details aus dem Leben des Künstlers verrät, versucht Acconci dagegen anzuschreien, immer wieder, doch ergebnislos. Ungerührt fährt die Maschine mit ihren Enthüllungen fort, während ihr Opfer allmählich an Kraft verliert. Das Tonband als Stellvertreter für die öffentlichen Medien wie Rundfunk und Fernsehen zerren das private Ich an das Licht der Öffentlichkeit, machen das Individuum zum öffentlichen Ereignis, zum soziologischen Fall. Dieser Vorgang wird mit Hilfe der Performance symbolisiert, so wie in früherer Zeit die Weltenkugel in der Hand des Herrschers ausdrückte, dass nur sein Wille maßgeblich sei, und die Skulptur gleichzeitig das Fehlen von Volkssouveränität verkörperte.
 

3. Die Maschinen-Skulptur

Anders als die Videokünstler der 1980er Jahre, die die Videoaufnahmen mitunter in eine plastische Form integrierten, so dass eine architektonische Skulptur aus TV-Gehäusen und dergleichen mehr im realen Raum entstand, interessiert uns hier ausschließlich die Skulptur als zeitbasiertes künstlerisches Werk. Gottfried Bechtold schuf 1971 mit seinem kurzen Stück »Test 1« eine Verbindung zwischen dem realen Abspielgerät und der reproduzierten Räumlichkeit in der Aufnahme, indem er im Film selbst den Monitor buchstäblich mit einem Hammer abklopfte.

 
4. Die Skulptur in der Maschine

 Ulrike Rosenbaum dokumentiert in »Mon Petit Chou« wie sie sich selbst in ein plastisches Gebilde verwandelt. Durch das Übereinanderlegen großer Kohlblätter mutiert der menschliche Kopf zu einem pflanzlichen Organismus. Die Metamorphose wird zur Skulptur.
 

5. Die Soundmaschine

Längst zählen akustische Installationen wie die von Olaf Nicolai zu den bildenden Künsten, oder besser, ist man sich über deren Merkmale als multimediale künstlerische Arbeit im Klaren. So ist auch »Forming Sounds«, 1971, von Dennis Oppenheim ein früher Beleg für das Zusammenwachsen von Bild und Ton im Medienbereich. Wenngleich eine Interaktivität im heutigen Sinne damals technisch ausgeschlossen war, so zeigt das Tape doch, wie Töne entstehen, wie sie transportiert, verändert, manipuliert werden.

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