Einführung

Der anagrammatische Körper

Die Organe des Körpers als Buchstaben – Vereinzelung

Den Körper als Schrift lesen

Zu den spezifischen Bedingungen, welche die neue Bildtechnologie Fotografie in die Bildkunst einführte, gehört die Großaufnahme. Die Fotografie hat durch die Close-up-Technik erstmals die Organe des Körpers, vom Auge bis zur Zehe, vereinzelt und als isolierte Bilder präsentiert. Mit der Großaufnahme beginnt die Sequenzierung des Körpers in seine visuellen Bestandteile bzw. Bausteine. Der Körper wird zerstückelt („le corps morcelé“, sagt J. Lacan), in Einzelteile und Fragmente zerteilt. Die Vereinzelung und Verabsolutierung der Körperfragmente führt zu einer Art visueller Grammatik des Körpers. Der Körper wird zu einer Zeichensprache, in der die Close-ups der Körperorgane die Buchstaben des Körpers bilden. Diese Alphabetisierung beginnt 1926 exemplarisch mit dem Buch „ABECEDA“ von Karel Teige und Vítezslav Nezval. Der Körper wird durch die Fotografie als Schrift lesbar. Die Buchstaben des Körpers werden identifiziert, lokalisiert, mit einem Wort: sequenziert. Der Körper wird entziffert, beziffert, damit beginnt seine Digitalisierung.
 

Die multiplen Organe – Rekombinationen des Körpers

Den Körper neu schreiben

Auf die Analyse des Körpers folgt die Synthese. In der Fotomontage, insbesondere bei den Surrealisten, werden die Organe und Fragmente des Körpers neu kombiniert. Der fotografisch zerstückelte Körper wird in der Montage neu zusammengesetzt, transkribiert, rekonfiguriert. Durch die Alphabetisierung wird der Körper zu einem System von Variablen. Der Körper als Ordnung von Organen wird zu einer Kette von Zeichen bzw. Buchstaben, die stets neu geformt bzw. umgeformt werden können. Auf das Lesen des Körpers, seiner Sequenzierung in Buchstaben bzw. Körperelemente, folgt das Schreiben und Neu-Schreiben des Körpers, d.h. die Anordnung der Körperelemente nicht nach den Regeln der alten, natürlichen Grammatik, sondern nach einer neuen, künstlichen Anagrammatik, bei der aus der gleichen Organmenge im- mer neue Körper erzeugt werden: Körper ohne Organe und multiplizierte Organe ohne Körper.

Hans Bellmer beschrieb 1934 erstmals den Körper als Anagramm und zeigte mit seinen Puppen die Praktik der Rekombination von Körperorganen. Dieses ständige Re-design, Re-fashioning des Körpers ist eben das Redigieren und Reeditieren der Schrift des Körpers. Im anagrammatischen Körper wird der natürliche Körper erstmals künstlich reprogrammiert. Der Körper in der Fotografie, der mediale Körper, ist nicht mehr der natürliche Ort der Identität. Als rekombinierter Körper ist er der Ort einer rekombinatorischen, optionalen Identität.
 

Die Objektvermählung – der Cyborg

Den Körper korrigieren

In der klassischen Kunst kam es zu Vermählungen des menschlichen Körpers mit dem tierischen Körper (Sphinx, Nixe, Minotaurus, etc.). Im modernen Körperbild kommt es zu Vermählungen des menschlichen Körpers mit Objekten. Die natürliche Schrift des Körpers genügt nicht mehr. Die Schrift des Körpers wird verbessert und korrigiert. Das Alphabet des Körpers wird erweitert. Zu den natürlichen Körperorganen kommen neue Elemente, auch andere Materialien als Fleisch und Knochen. Die Möglichkeiten der Kombinatorik und Permutation, welche der anagrammatische Körper bietet, werden über die menschliche Organmenge hinaus weiterentwickelt – in den Horizont der Dinge und Maschinen. Im Gefolge der freien Größenveränderung und Kombinierbarkeit der Körperorgane kommt es auch zum partiellen Austausch und zur teilweisen Substitution der organisch-natürlichen Körperteile durch künstlich-technische.

Der Körper wird durch Diäten, Drogen, Training, Gymnastik, Aerobic, Bodybuilding, Make Up, Body Styling, plastische Chirurgie, Schönheitsoperationen, Protein-engineering und Gentechnologie so lange geformt und konstruiert, bis er den Idealen entspricht, welche die Medien als Körperbild vorgeben. Kollagen-Lippen, Silikon-Brüste, Herzschrittmacher, Implantate etc. sind erste Beispiele für alltägliche Cyborg-artige Objektvermählungen, die von digital oder malerisch konstruierten Körperbildern kritisch beobachtet werden. Diese Körpertechniken sind die Phantasmen einer obsessiven Körperkultur, in deren Zentrum die Rekombination und Reprogrammierung des Körpers steht, die mit dem genetischen Engineering des idealen Körpers abgeschlossen sein wird.
 

Der virtuelle Körper – der Körper als reines Bild

Den Körper kopieren und klonen

Mit der digitalen Fotografie nähern wir uns dem vollkommen synthetisch hergestellten Körperbild. Vom geklonten bis zum virtuellen Körper sehen wir, daß die natürlichen Bedingungen des Körpers zugunsten medialer und sozialer Konstruktionsmöglichkeiten aufgegeben werden. Der rekombinierbare Körper vollendet sich im konstruierbaren Körper, der medial replizierbar und duplizierbar ist. Von der Schrift der Gene bis zur Schrift der Organe wird der Körper umschreibbar und schliesslich kopierbar. Der Körper wird gänzlich von einem natürlichen Ort zu einem technischen Ort. Ein im Verlauf von Millionen Jahren entwickeltes natürliches Skript des Körpers wird auf den Ebenen der Medien und Moleküle, der Organe und Gene, zu einem künstlichen Skript. Die Medien verwenden anagrammatische Techniken der Umstellung von Sequenzelementen im Bereich der Organe, die sie als Buchstaben definieren. Die molekulare Medizin behandelt den genetischen Code wie eine Sequenz von Buchstaben. Die spezifischen Abfolgen einzelner Buchstaben in der DNA bestimmen die Erbschrift. Die Gentechnik verwendet ebenfalls anagrammatische Techniken in ihrem Ziel, in gezielter Weise Veränderungen in der DNA-Sequenz vorzunehmen, indem ein Buchstabe entfernt oder durch einen anderen ersetzt wird oder zusätzlich einer oder mehrere Buchstaben eingeführt werden. Die Metapher des Anagramms reicht von den Organen des Körpers zu den Genen des Körpers.

Die Medien sind rekombinante Körpertechnologien vergleichbar mit den rekombinanten DNA-Technologien. Die künstlerisch genützten Medien haben, von der Fotografie bis zum Computer, vorweggenommen, wie das Programm eines Organismus aussieht, der sich mit den Mitteln seiner eigenen Bestandteile, von den Organen bis zu den Genen, modifizieren kann. Dieses Programm demonstriert, von Gary Hills Scanline-Körperalphabet bis zu Karin Sanders 3-D Bodyscans, der anagrammatische Körper der Moderne.

Die Medien, von der fotografischen Kondition bis zur Netz-Kondition, haben bereits vor 100 Jahren begonnen, das Skript des Körpers neu zu redigieren. Der anagrammatische Körper im Zeitalter seiner medialen und molekularen Konstruierbarkeit, von der Refiguration zur Transfiguration, ist die Zukunft des Körpers.

 

Vier Beispiele

An vier Beispielen aus Bereichen Malerei, Skulptur, Video, TV soll der anagrammatische Körper exemplarisch vorgeführt werden.
 

Hans Bellmer: La Demi Poupée

Die Erfahrung der surrealistischen Fotografie hat Hans Bellmer dazu geführt, die Möglichkeiten der fotografischen Kondition des Körpers auf die dreidimensionale Skulptur zu übertragen. Die Fotobildnisse seiner Puppen zeigen in immer wieder neuen Refigurationen erstmals den anagrammatischen Körper. Bellmer hat den Körper wie ein Bild behandelt. Er rekombiniert aus den stets gleichen Körperorganen bzw. -buchstaben immer neue Körper bzw. Organe ohne Körper. Anagrammatische Körper sind rekombinierte Körper.
 

Francis Bacon: Sand Dune

Francis Bacons Gemälde zeigen ein Menschenbild, das verletzt, weil das Menschsein als eine Verwundung abgebildet wird. „Sand Dune“ von 1983 faßt das vorangegangene Œuvre des 74jährigen Künstlers in einem visionären Bildereignis zusammen. Der Titel spielt auf eine von Wind und Meereswellen gebildete Strandformation an. Das Blau des paraventartigen Hintergrundes erinnert an Himmel, die blaue Kreisscheibe im Vordergrund an eine bei Ebbe zurückgebliebene Wasserpfütze. Diese Naturerscheinungen sind in ein bewohntes Interieur eingebrochen. Aber Gestalt und Malweise Malweise der Sanddüne lassen sie auch als gestrandete Kreatur verstehen: ein Fleischerstück, ein menschlicher Rumpf, ein Körper ohne Organe.
 

Samuel Beckett: Not I

Zwischen 1964 und 1986, im Alter zwischen sechzig und achtzig Jahren, entstanden Becketts Arbeiten für Film und Fernsehen, die er in dieser Zeit als sein adäquates Medium bezeichnete und die zum Teil gänzlich ohne Sprache auskommen. Die Reduzierung seiner Mittel treibt Beckett in seinen Filmen und TV-Produktionen in Raum, Bewegung und Bild voran. Erscheinen die Figuren anfangs noch in grauen Räumen, in Bewegung, Farbe und Sprache eingeschränkt, so reduziert sich durch das Format des Bildschirms der Aktionsraum auf den Lichtkreis, ein beleuchtetes Quadrat und schließlich ein beleuchteter Mund. Ursprünglich 1972 als Theaterstück entstanden, wurde „Not I“ 1975 fürs Fernsehen neu konzipiert. Der Mund einer siebzigjährigen Frau, die in einem unentwegten Wortstrom über ihr Innenleben berichtet, nimmt den gesamten Bildschirm ein. Ein sprechender Mund, ein vereinzeltes Organ des Körpers, reduziert den Körper auf ein Organ und das Subjekt auf Sprache. Beckett verbindet daher zurecht mit der Lektüre des Körpers als Sprache die Identitätsproblematik, wie der Titel anzeigt.
 

Garry Hill: Suspension of Disbelief

Gary Hill löst das fotografische Bild eines Menschen in seine Bestandteile auf. Er benutzt seine Bilder wie eine Sprache. Die Dekonstruktion, die Hill mit den Bildern betreibt, führt konsequent zur Rekonstruktion des Menschen, der, je freier er mit den Bildern umgehen kann, desto bereitwilliger sich selbst in ihnen entdeckt. Die lineare Anordnung der Monitore visualisiert die Scanlines, jenes technische Verfahren, mit dem bekanntlich Video- und TV-Bilder konstruiert werden. Hill zerlegt den Körper sequenziell wie eine Scanline, auf der die Körperorgane ständig rekombiniert werden.

Text: Peter Weibel