Birgit Wiens: Über den Wandel sexueller Codes
Christian Marclays hybride Körper-Topologien
Do, 11.05.2000, 19:00 Uhr

Wodurch erlangen menschliche Körper ihre sexuelle Identität und wie werden sie wahrgenommen, ”gelesen“? Theoretiker/innen wie Thomas Laqueur, Judith Butler, Marjorie Garber stellen seit Anfang der 90er Jahre in Zweifel, dass die traditionelle Ordnung der Geschlechter (die Polarität Mann-Frau), aber auch die Differenzen der Nationalität und Ethnizität auf biologische Ursachen zurückzuführen sind. Statt dessen begreifen sie den Körper als Effekt kultureller Normen, als „cultural performance“, die unter dem Zwang sozialer Akzeptanz den jeweils herrschenden Regeln folgt. In der Kunst wird diese Diskussion aufgegriffen, so von Christian Marclay, der mit »Black or White« (1992) in der Ausstellung »Der anagrammatische Körper« vertreten ist. Marclay bewegt sich mit unterschiedlichen Projekten zwischen bildender Kunst und Musik; er arrangiert Fotos, Objekte, Tonträger - in diesem Fall Plattencover, auf denen Körperfragmente verschiedener Geschlechtszugehörigkeit und Hautfarbe sichtbar sind. Im Spiel mit dem Musikbusiness (»sex is a good seller«) geht es ihm darum, das Rezipientenverhalten durch die Inszenierung hybrider Körper zu erschüttern. Ein Interpretationsdelirium stellt sich ein: als Flimmern unvereinbarer visueller Zeichen und als Rauschen, als Kollaps der mit den Bildern assoziierten akustischen Information. Der Vortrag erörtert, inwiefern Marclay in der Verwendung sogenannter ”alter Medien“ die gegenwärtige Neu-Konstruktion des Körpers durch die digitalen Medien bereits vorwegnimmt und auf die Notwendigkeit neuer Definitionen verweist.

Organisation / Institution
ZKM

Mitwirkende